Ich bin die Markuskirche in Sülfeld

 

 

 

Wann sie mich erbaut haben, weiß ich nicht mehr genau. So ist das, wenn man alt wird ... und vergesslich.

Gott sei Dank gibt es ein Lehnsbuch des Herzogs Otto von Braunschweig aus dem Jahre 1318. Dort steht geschrieben, dass die beiden Brüder Johann und Gebhard von Solvelde das Patronatsrecht über mich erhalten haben. Also werde ich bald 700 Jahre alt. Und darauf bin ich sehr stolz, obwohl ich doch ganz sicher noch älter bin.

Aber soll ich streiten?

                                   Die Patrone sollten sich eigentlich um mich kümmern. Doch sie verschenkten mich einfach an einen Wedekind von Garßenbüttel, diese Brüder! Überhaupt bin ich von einer Hand in die andere gewandert.
Woran das lag, kann ich nicht sagen. Habe ich ihnen etwa nicht gefallen? War ihnen mein steingraues Gewand zu schlicht? Oder sollte ich ihnen am Ende doch zu teuer gewesen sein? Obwohl: Große Ansprüche habe ich nie ans Leben gestellt - und an sie auch nicht.
Wie dem auch sei - man wollte mich nicht so recht. Der Wedekind reichte mich an den Ludolf von Hohnhorst weiter. Der wiederum übergab mich ans Kloster Riddagshausen. Für die Mönche muss ich auch nicht gerade ihr Typ gewesen sein. So ging es über Hans von Bortfeld, Asche von Kraunnen, Lohalm von Elten, Werner und Rudolf von Bevensen, Melchior von Marenholz, Brandt von Mönnighausen bis hin zum Franz Otto von der Wense. Ihm und besonders seiner Frau Anna (übrigens eine geborene von Münchhausen!) muss ich wohl viel bedeutet haben. Sie putzten mich äußerlich wieder auf und taten auch eine ganze Menge für mein inneres Wohlbefinden. Sollte es daran gelegen haben, dass ich neuerdings evangelisch war?
Eine Prieche - heute nennt ihr sie „Empore“ - wurde errichtet. Auf ihr durften die Mägde und Knechte Platz nehmen, wenn sie mich sonntags besuchten.
Sohn Georg (Jürgen) von der Wense und seine Frau Elisabeth Sophia (eine geborene von Bodendorf aus Lüneburg) mochten mich ebenso - und zeigten mir auch ihre Zuneigung. Sie ließen eine schmucke Kanzel einbauen (1647) und einen kostbaren Flügelaltar für mich schnitzen. Leider wurde der dann vom Kirchenvorstand 1856 an das Provinzialmuseum Hannover (heute: Landesmuseum) verkauft. Wie gewonnen, so zerronnen ...
Schließlich wurde ich Eigentum der ganzen Gemeinde in Sülfeld - und bin es bis heute.
Wie es mir unter ihr ergangen ist?
Sehr unterschiedlich. So, wie die Zeiten eben sehr unterschiedlich waren. Es gab kalte Zeiten. Kriegszeiten. Da dachte jeder nur ans nackte Überleben. So kalt, dass selbst der Wein fürs Abendmahl auf dem Altar zu Eiswein gefror.
Es gab arme Zeiten, Notzeiten. Das tägliche Brot gab es nur als Bitte im Vaterunser. Da blieb wenig übrig - auch für mich.
Es gab ruhige Zeiten, zu ruhige Zeiten. Da dachte ich schon, sie hätten mich ganz und gar vergessen.
Es gab stürmische Zeiten, so stürmisch, dass selbst mir einmal der Turm aufs Dach gefallen ist.
Und wie es mir heute geht?
Äußerlich ganz gut. Man hat mich wieder neu geputzt, meinen Turm erhöht, mich von innen aufpoliert und meine Orgel erneuert. Auch der Weg zu mir ist gepflastert worden. Eigentlich könnte ich zufrieden sein.
Trotzdem: Ich fühle mich innerlich oft so leer. Sonntags besonders. Aber ich kenne das Gefühl schon von früher. Solche Zeiten gab es hin und wieder. Es wird sich wieder ändern, hoffe ich. Denn obwohl ich inzwischen sehr alt bin: an manches kann ich mich noch ganz genau erinnern

Georg Leupold

 

                                                                                                                                                

  Zeichnungen: Volker Motsch